Was hat ein Zungenpiercing mit Genuss zu tun? Viel! Zumindest, wenn man oral fixiert ist – oder zumindest, wenn man Genuss u. a. über den Gaumen wahrnimmt. Viele Jahre hatte ich schon den Wunsch, mich piercen zu lassen. Jetzt, mit 38 habe ich endlich die Stelle an meinem Körper gefunden, mit der ich vorerst gut leben kann. Warum vorerst? Naja, ich denke, es bleibt nicht bei dem einen. Das Piercing war für mich wie ein Befreiungsschlag. Nicht, weil es In ist, oder weil ich rebellieren will, sondern weil ich es wollte und es war mir egal, was Kunden, Freunde oder Feinde sagen. Letztlich hatte ich mir selbst (und einigen engen Freunden) gesagt, es wird die erste Märzwoche 2015. Es gab keinen besonderen Grund dafür, aber Deadlines sind gut.

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Und so landete ich am Donnerstag, 5. März 2015 im Studio Zum Stecher

Wochen vorher hatte ich mit den Jungs schon per E-Mail in Kontakt gestanden. Schnell habe ich gemerkt: Hier sind Profis am Werk. Als Mangelistin, als Genießerin, galt meine größte Angst natürlich dem Verlust meiner Geschmacksnerven. Aber Knospen gehen beim Piercen kaum kaputt, wie mir Boris sagte. Maximal 10 bis 12 (Tausend?) von den vielen, die man auf der Zunge hat. Nichts, was meinen Geschmack beeinträchtigen würde. Außerdem hat Boris immerhin 7 Jahre Erfahrung und weiß, was er tut. Beruhigend!

Was passiert da?

Ich musste mir den Mund mit einer antiseptischen Mundspülung spülen. Dann ging es im sterilen Raum auf den Stuhl. Der Piercer desinfizierte zuerst mein Gesicht großzügig um den Mund herum. Dann markierte er auf der Unterseite meiner Zunge die Einstichstelle. Denke mal, das war grüne Tattoo-Tinte. Dank Zahnstocher wurde dann eine gerade Linie um die Linke Seite meiner Zunge gezogen, bis auf die Oberseite, dorthin, wo die Kanüle wieder austreten würde. Dann platzierte er die Zange und bevor ich überhaupt merkte, dass es passierte, war er auch schon durch. Ehrlich: Ich war so sehr mit der Zange und meinem Atem beschäftigt, dass ich überhaupt nicht merkte, wie er die Kanüle durch meine Zunge bohrte. Es dauerte keine 5 Sekunden. Als mir klar wurde, dass das schlimmste schon vorbei war, setzte wohl das Gefühl ein, das Piercing-Junkies lieben: Adrenalin. Und wie! Ich fühlte mich wie high!! Den Rest der Prozedur, also das durchziehen des Metallstabs, das Aufschrauben der Kugel, das Abtupfen meines Sabbers … Daran erinnere ich mich nur noch schemenhaft. Ich war einfach nur glücklich dass es vorbei war und erstaunt, dass ich keinerlei Schmerz empfand. Es ziepte ein bisschen, weil die Einstichstelle sehr nah am Zungenbändchen liegt. Aber sonst? Nichts. Nicht mal Blut fließt. Kein Tropfen.

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Dann eine „Litanei“ an Pflegehinweisen. Boris sagte mir, wie ich ihn immer schnell erreichen kann, falls es Probleme gibt. Foto für den Blog geschossen. Bezahlt. Zurück zum Auto. Dann ging das Zittern los. Mein Körper signalisiert: WUNDE! GEWALT! Aber ich bin noch immer irgendwie high. Ich spüre, was da in meinem Mund passiert ist. Lasse die Kugel über meinen Gaumen gleiten. Es ist irgendwie ziemlich heiß. Ich freue mich. Ich darf nicht rauchen und auch erst mal nichts essen. Mir ist aber auch nicht danach.

Dieses Gefühl hält den ganzen Tag an. Mit Ausnahme der Nikotinsucht. Bei der ersten Zigarette versuche ich noch, meine Zunge in Frischhaltefolie zu wickeln. Wie amüsant. Aber egal … 5 Stunden später ist auch der Hunger größer als der Schmerz, der eigentlich kein Schmerz ist. Es ist ein Gefühl … da war eine Zange, die an meiner Zunge gezerrt hat. Hat er mit der Zange mein Zungenbändchen verletzt? Vielleicht. Egal. Das heilt. Nudeln essen? Geht. Später am Abend trinke ich sogar mit einer Freundin ein Glas Wein. Danach muss ich meine Zunge kühlen. Eigentlich nicht, aber man liest es halt. Also tue ich es. Mit einem Eis am Stil.

Kühlen Tee Smoothie

Tag 2 (Freitag) – Oha, da ist was

Ich habe schon seit Wochen einen hartnäckigen Husten. Der weckt mich. Und reisst an meiner Zunge. Gott, das tut weh! Meine Zunge fühlt sich an, als hätte ich einen Marathon-Schleck-Wettbewerb hinter mir. Muskelkater in der Zunge? Klar, Boris sagte, ich werde meine Zunge anders als bisher bewegen und das wird evtl. zu Schmerzen führen. Im Spiegel sehe ich einen merkwürdigen Belag auf meiner Zunge – als hätte ich mir seit Tagen die Zähne nicht geputzt. Aber klar, immerhin vermeide ich den Kontakt mit dem Gaumen, ich habe keine festen Speisen zu mir genommen und mit der Bürste traue ich mich nicht ran. Also ganz vorsichtig schrubben. Geht.

Am Nachmittag habe ich einen geschäftlichen Termin, bei dem ich nicht drumherum kommen werde, ein paar Worte zu sprechen. Ich schiebe meine Wortkargheit auf meine Erkältung. Ich koche meinen ersten Kamillentee und stelle ihn kalt. Immerhin hat Boris gesagt, Tag 3 und 4 sind die schlimmsten. Schmerzen habe ich keine, nicht wirklich. Sprechen geht auch gut. Ich fühle mich nur einfach wohler, wenn ich nicht kaue und nicht sprechen muss.

Tag 3 (Samstag) – Geh mir fort! Ich halts Maul!!

Viel-trinkenWTF? Was ist das in meinem Mund? Wieder weckt mich mein Husten, zerrt und ziept an meiner Zunge. Blöde Idee, sich piercen zu lassen, wenn man krank ist und gelbes Sekret hustet. Ich habe Hunger. Mir fällt auf, dass ich gestern nur Gemüse- und Frucht-Smoothies zu mir genommen habe. Ich will was kauen. Aber was? Nix. Ein Hipp-Gläschen muss es tun. Ich spreche heute kein Wort – immerhin will ich morgen auf einen BarCamp eine Session halten. Es gilt also, meine Klappe zu halten. Ich schaue in den Spiegel und schau mir meine Zunge an. Sie ist blau. Und an der Einstichstelle ist kein kleiner weißer Ring. Oder ist das Gelb und Eiter? Ich schreibe Boris. Er sagt: Das ist normal: Wundsekret. Die Zunge ist nicht mehr geschwollen. Ich kann normal sprechen, solange ich eine Serviette bei mir trage und mir immer mal wieder den Speichel von den Lippen wische. Meine Lippen … ich kann sie nicht mehr mit meiner Zunge benetzen. Trage dauernd Labello auf. Ich spüle meinen Mund brav alle paar Stunden, abwechselnd mit kühlendem Kamillentee, mal mit einer antibakteriellen Mundspülung. Würde so gerne Chips essen, oder etwas, das man kauen muss. Aber keine Chance. Ich bin froh, dass ich heute nirgends hin muss. Wer mich beim Essen sieht, muss denken, ich bin ein Kamel. Habe Angst, das Piercing zu beißen. Denke, da ist noch was, dabei habe ich alles schon geschluckt, was ich mir an Nahrungsmittel in den Mund geschoben habe. Naja, man isst sowieso immer zu schnell.

Tag-4Tag 4 (Sonntag) – Will ich wirklich einen Vortrag halten?

Bin auf dem Weg zum BarCamp. Zur Übung kaue ich Kaugummi. Geht. Tut nicht weh. Ich singe im Auto auf dem Weg zur Veranstaltung. Ich lisple nicht. Gut. Also werde ich meinen Vorschlag zu einer Session bringen. Machen wir halt einen Dialog-Vortrag daraus, dann muss ich nicht alleine sprechen. Aber es läuft gut. Und sogar das Mittagessen, eine Suppe, kann ich völlig normal zu mir nehmen. Hab mich nicht zum Deppen gemacht. :) Dennoch gehe ich als eine der ersten, war doch irgendwie anstrengend und meine Zunge braucht eine Pause.

Tag 5 (Montag) – Was? Ich habe mir die Zunge piercen lassen?

Bin aufgewacht und habe erst mal gefühlt. Tut es weh? Ist etwas geschwollen? Muss ich husten? Nein. Nein. Nein. Alles gut. Natürlich spüre ich, dass da noch eine Wunde ist. Natürlich tut es weh, wenn ich meine Zunge anstrenge (husten, lachen, gähnen). Immerhin habe ich mir ein Stück Metall durch die Zunge jagen lassen. Aber der Muskelkater ist komplett weg. Auch der Zungenbelag und das leichte Brennen. Aber ich kann sprechen, ohne dass es klingt, als hätte ich etwas im Mund. Und so langsam stellt sich das Gefühl vom ersten Tag ein: Es fühlt sich verdammt gut und richtig an.

Tag5-läuftDas waren meine ersten 5 Tage nach dem Piercen. Ich muss sagen: Die Jungs vom Zum Stecher sind toll! Meine Sorgen DANACH wurden zeitnah via Facebook beantwortet (per PN, natürlich). Ich fühlte mich vor meinen Termin wohl, aber auch vor Ort. Mit Charme, Witz und vor allem Fachwissen konnte man mir die Angst nehmen. Hier komme ich gerne für das nächste Piercing her. Oder wird es doch ein Tattoo? Wer weiß. :)

Sollte es in den nächsten Tagen noch etwas nennenswertes zu berichten geben, werde ich das tun. Ansonsten ist einfach alles gut gegangen und ich bin super glücklich mit meiner „Body-Modification“. Auch, wenn die niemand sieht. Aber ich habe sie ja für mich vornehmen lassen. Und ich habe unheimlich Spaß daran.

Zum Stecher – Tattoo & Piercing Manufaktur

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