Ich kann nicht ganz nachvollziehen, wo der NDR die Info her hat, dass das Mädchen in Kürze abgeschoben wird. Als ob es eine Tatsache wäre. Dass die Gefahr besteht, mag sein.

Ich kann auch nicht verstehen, warum sich das deutsche Volk (teilweise – siehe Twitter #merkelstreichelt) so aufregt über diese Geste. Scheinbar versteht man nicht, dass Politik hart ist und in der Politik auch nur Menschen sitzen, die große Verantwortung tragen. Dann war es eben nur ein Streichler und keine Umarmung. Dann war sie von diesem Moment, der Begegnung überrascht. Aber was hätte Angela Merkel denn anderes tun sollen?

Statt sich in dieser Situation auf Angela zu konzentrieren, interessieren mich Ängste und Hoffnungen dieses kleinen Mädchens. Oder vielmehr ihre unschuldige Hoffnungslosigkeit.

Vorgestern bin ich ganz nah an Freital vorbeigefahren. Mir wurde schlecht, ob des Hasses, der dort wohnt. Die Angst der Flüchtlinge konnte ich im Auto spüren. Ich wurde so wütend, dass ich anhalten musste. Ich schaute mir eine Weile den Himmel an, in dem die Sonne durch die Wolkendecke brach und wie flüssiges Gold die abendliche Landschaft in ein magisches Licht tauchte.

Kurz vorher sagte mir mein Freund Peter, dass er die ersten Rückmeldungen zu seinem Projekt „Übersetzungen für Sea-Watch“ erhalten hat und von der Resonanz überwältigt war. So viele wollen helfen … Das war ein schönes Gefühl.

Uns beschäftigt das Thema Flüchtlinge und Asylanten schon ein paar Wochen. Seit Wochen schiebe ich den Moment vor mir her, an dem ich eigentlich vor Ort in einem Flüchtlingslager sein soll, um anzufragen, wie wir (Übersetzer) helfen können. Denn helfen wollen wir. Mit „wir“ meine ich die Übersetzer-Gemeinschaft, die sich rund um diverse Projekte gebildet hat: Unserem Berufsverband, Follower der Meet Your Translator-Initiative, unser erweiterter Freundeskreis auf Facebook. Ich weiß, dass wenn mir jemand, der eine Flucht hinter sich hat (und alles, was ihn oder sie dazu bewogen hat), vor mir steht, ich lange nicht so gefasst reagieren kann, wie Angela. Davor habe ich Angst. Denn wenn man etwas geben will, muss man sich öffnen. Mir fehlt da das Politiker-Gen, um mich am Riemen zu reissen.

Dann sehe ich heute Vormittag dieses Video. Und kann nicht verstehen, wie man ihr die Reaktion oder das, was sie sagt, so übel auslegt. Ich kann nicht verstehen, wie man behauten kann, dass ihre Reaktion widerspiegelt, dass sie nun mal keine Kinder hat.

Was hätte sie denn tun sollen?

Nachtrag: Mittlerweile habe ich einen Mitschnitt der kompletten Szene gesehen. Mir bleibt unverständlich, wie der NDR die Situation so verfälschen konnte. :( Zum ungeschnittenen Mitschnitt.