Vor einigen Monaten schlugen die ersten Übersetzungsaufträge zu den Themen Internet of Things, Smart Factory und Industry 4.0 bei mir auf. Das war mal wieder was ganz Neues und Anderes, nach Mobile Marketing, Self-Checkout und Monitoring. Ach ja, davor gab es ja noch die Themen Business Processes, Streamlining und Social Business.

Die ersten 10.000 Wörter zu den neuen Themen waren super spannend – immerhin lernt man ja etwas dabei, denn man liest sich in die Themen ein, tauscht sich mit dem Kunden aus, um die Logik hinter bestimmten Sachverhalten zu verstehen und überhaupt, neue Besen kehren gut. Mittlerweile habe ich in diesem Bereich geschätzte 150.000 Wörter übersetzt und es wird so langsam aber sicher langweilig. Wenn sich 8 Kunden gleichzeitig auf das Thema stürzen (die CeBIT, Hannover Messe, zwei Konferenzen in den USA und ein Summit in Las Vegas taten ihr übriges dazu), man den selben Sachverhalt zig mal in unterschiedlichen Wordings und Colorationen übersetzt, dann geht dem Marketing-Übersetzer schon mal die Muse-Puste aus. Dann wird man kribbelig und freut sich auf das nächste große Ding.

Aber ich bin realistisch: IoT und Industry 4.0 werden uns noch eine ganze Zeit lang begleiten und das ist auch gut so. Aber als ich eben das x-te Dokument für einen Blogbeitrag von einem Kunden aufgemacht und in mein Trados hochgeladen habe, dachte ich mir: Ist das typisch für einen spezialisierten Übersetzer? Das man Präferenzen hat und die Aufmerksamkeitsspanne sich reziprok zum durchschnittlichen Wortvolumen pro Auftrag oder Projekt verhält?

Schauen wir uns doch mal die 8 häufigsten Spezialisierungen unter Übersetzern an.

1. „Ich mache Marketing-Übersetzungen, bin ich deshalb der Typ hyperaktiv?“

hyperactive

Sind wir mal ehrlich. Der typische Marketing-Übersetzer hat selten ellenlange Dokumente zu übersetzen. Das höchste der Gefühle sind mal eine komplette Website. Oder eine aufwendige Broschüre. Sonst halten sich die Projekte mit durchschnittlich 500 bis 2.000 Wörtern größentechnisch in Grenzen. Wenn dann mal ein größeres Projekt kommt (in meinem Fall ist alles über 8 Normseiten groß), dann braucht es schon ziemlich viel Anstrengung, die Konzentration (read: Lust) nicht zu verlieren. Ich selbst würde mich als Schmetterling bezeichnen, hüpfe von Blume Kunde zu Blume Kunde, von Projekt zu Projekt. Aber eigentlich haben Leute wie ich einfach die Aufmerksamkeitsspanne einer dementen Eintagsfliege.

2. „Meine Projekte sind überwiegend technische Handbücher. Ich bin resistent gegen Aufregung jeglicher Art!“

boring

In technischen Handbüchern gibt es jede Menge Wortwiederholungen. Von spannenden Handlungen keine Spur. Fachlich, sachlich, korrekt. Mit Wordcounts im höheren 5-stelligen Bereich und darüber sind dies komfortable Projekte, die eine überschaubare Anzahl von Akquiseläufen pro Jahr (im Vergleich zu Punkt 1) bieten. Ideal für den Vollblutübersetzer, der sich nicht aus dem Haus traut.

3. „Wenn ich keine Spiele übersetzen muss, dann spiele ich. Ich bin ein Zocker!“

gaming

Das Leben als Übersetzer ist kein Spiel. Wie gut, dass man der Realität durch Spiele, aka Games, entfliehen kann. Man kann Bösewichte erlegen, Imperien bauen, Monster verprügeln, Autos fahren, die man sich nie leisten könnte, Gärten anpflanzen, in ferne Länder reisen (sogar auf andere Planeten) und sich einfach treiben lassen. Dabei wird noch der Spieltrieb befriedigt und wenn man dann noch seine Community pflegt, findet man sogar Freunde. Aber Achtung: der Game-Übersetzer ist und bleibt ein Zocker!

4. „Vielleicht habe ich nicht immer Recht, aber hey, ich habe einen Stempel. Quasi die Lizenz zur Rechtsprechung!“

tap

Wer erst mal die Lizenz zum Stempeln hat, der hat ausgesorgt. Beeidigte Übersetzer sind wie Richter unter den Leuten in der Judikative. Sie genießen Ansehen, Respekt und man hört auf sie. Immerhin haben sie das letzte Wort. Ähm, ich meine den letzten Abdruck. Ob sie rechthaberisch sind, kann ich nicht sagen. Ich gehe ihnen genau so aus dem Weg wie ich einen großen Bogen um Anwälte mache.

5. „Theoretisch könnte ich Dir das Hirn operieren. Immerhin übersetze ich medizinische Texte!“

doc

Das sind wohl die Golfspieler unter den Übersetzern. Immerhin können sie unmittelbar Leben retten, mit ihren Arbeitsergebnissen. Man darf nur nie mit einem Med-Übersetzer über Haarausfall oder die Konsistenz seines Stuhlgangs sprechen. Im Übrigen geht es den Med-Übersetzern wahrscheinlich wie Ärzten: Sie möchten gerne die erste Meinung haben und sind beleidigt, wenn man sie als zweites zu einem medizinischen Thema konsultiert.

6. „Literaturübersetzer sind Bücherwürmer und was vorne rein geht, kommt hinten wieder raus. Nur anders.“

books

Man sagt, Literaturübersetzer sind ganz arme Schlucker. Zumindest diejenigen, die noch nie einen Bestseller übersetzt haben. Aber ehrlich: Schon mal bei einem zuhause gewesen? Die horten ganze Bibliotheken! Das kostet auch Geld. Und wenn man fragt: ‚Hast Du die ALLE gelesen?‘ dann lautet die Antwortet stets: ‚Nein, aber übersetzt!‘ Zumindest in einer perfekten Welt. Dabei ist das Literaturübersetzen in meinen Augen die Königsdisziplin. Vor allem, wenn man bedenkt, wie selbstverliebt manche Autoren sind.

7. „Windräder und Solarenergie sind meine Welt. Ich bin ein Öko-Freak vom Fach!“

treehugger

In ihrem Bestreben unsere Welt ein bisschen besser zu machen und unseren Kindern einen gesünderen Planeten zu hinterlassen, haben sich diese Kolleginnen und Kollegen auf das Thema ‚Erneuerbare Energien‘ spezialisiert. Was viele nicht wissen: Deren Rechner laufen nicht mit Strom, sondern werden von vielen kleinen Hamstern in ihren Hamsterrädern über Generatoren angetrieben. Meist leben sie auch vegan, sodass ihr eigener CO2-Footprint möglichst gering ist. Sie sind die Guten unter uns. Nachhaltigkeit und so.

8. „Es ist gar nicht so leicht, einen Porno zu untertiteln!“

p0rn

Keine Konferenz oder ein Powwow, wo nicht irgendwann die Frage auftaucht: „Übersetzt eigentlich irgendwer von euch pornografische Inhalte?“ Jeder will es, keiner gibt es zu. Die, die sich darauf spezialisiert haben, werden meist mit einem Blick bedacht, der eine komische Mischung aus Neid und Abscheu ausdrückt. Dabei ist das Sex-Business, neben dem Übersetzen, eines der ältesten Handwerke Gewerbe (okay, macht mich nervös) Geschäfte der Welt. Da steckt verdammt viel Geld drin. Wer schon mal die Untertitel für so einen Streifen übersetzt hat, der weiß aber, dass selbst wenn die Dialoge extrem … kurz … sind, lustig ist das nicht. Das ist echte Arbeit! (Der Satz könne auch von einem Darsteller stammen.) Bleibt nur die Frage, ob man dabei auch etwas lernt, das sich zu lernen lohnt … ich frage mal nach, beim der nächsten Konferenz.


 

Hinweis

Bevor jetzt ein Shitstorm über mich hereinbricht, lasst euch gesagt sein, liebe Kolleginnen und Kollegen: Dieser Beitrag ist nicht ganz ernst gemeint und bewusst sehr überspitzt formuliert. Ihr habt alle meinen vollsten Respekt für die Arbeit, die ihr jeden Tag macht. Wo dabei euer Schwerpunkt liegt, ist völlig egal. Denn in einem sind wir uns einig: Unsere Arbeit ist wichtig. Sehr wichtig sogar, in allen Facetten (read: Fachgebieten). Ich hoffe aber, dass ihr an der einen oder anderen Stelle schmunzeln konntet. Ich freue mich auf eure Kommentare. :)